Gerald Kapfhammer, Wolf-Dietrich Löhr, Barbara Nitsche (Hgg.)

Autorbilder

Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit

Tholos – Kunsthistorische Studien
Band 2
Herausgegeben von Georg Satzinger

2007, 468 Seiten, 11 Beiträge, 218 Abbildungen (47 Vierfarbabbildungen, 171 S/W-Abbildungen), Harteinband
2007, 468 pages, 11 essays, 218 figures (47 color figures, 171 b/w figures), hardcover

ISBN 978-3-930454-65-5
Preis/price EUR 78,–

17 × 24cm (B×H), 1100g

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Kurzzusammenfassung / short summary:

Der Sammelband, der aus dem an der Schnittstelle von Kunst- und Literaturwissenschaft angesiedelten Teilprojekt »Autorbilder: Figurationen mittelalterlicher/frühneuzeitlicher Autorschaft im medialen Vergleich« des Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs (SFB/FK 427) »Medien und kulturelle Kommunikation« der Universitäten Aachen, Bochum, Bonn und Köln hervorgegangen ist, untersucht die medialen Bedingungen und spezifischen Transkriptionsprozesse bei der Generierung einer Vorstellung von ›Autorschaft‹ in Mittelalter und Früher Neuzeit. Dabei geht es vor allem um die Analyse der Interaktion zwischen Text und Bild in ihrer jeweiligen Überlieferungs-Medialität Handschrift und Druck sowie der vom Text losgelösten Autorbilder der Frühen Neuzeit, die in verschiedenen anderen Medien greifbar werden (Zeichnungen, Druckgraphik, Tafelbild und Epitaph) und ihrerseits wieder auf Texte rekurrieren. In der je verschiedenen Kombination von Text und bildlicher Repräsentation eines ›Autors‹ wird das kultur- und situationsspezifische (Überlieferungs-)Medium zum entscheidenden Ort, sei es der Herausbildung von Autor-Oeuvres, die auf einer spezifischen, eher neuzeitlich orientierten persönlich-biographischen Autor-auctoritas basieren, sei es – gegenläufig – einer Separierung und Aufteilung der verschiedenen Momente von Autorschaft auf unterschiedliche Instanzen, die als Entautorisierung von Autorfiguren zu begreifen sind.

Die versammelten Arbeiten versuchen, sich systematisch mit dem Status und der Funktion von Autorbildern in der volkssprachigen Überlieferung auseinanderzusetzen. Die gemeinsame Arbeit an den in einer Vielfalt medialer Bezüge präsenten Figurationen von Autorschaft hat gezeigt, daß eine zusammenhängende und systematische Geschichte des Autorbildes nicht geschrieben werden kann. Das Autorbild – dieser Erkenntnis versucht der vorliegende Band Rechnung zu tragen – ist erst im Überlieferungskontext als solches sinnvoll erkennbar und funktional wirksam; es fordert daher einzelne Fallstudien, die systematisch Funktionen und Funktionalisierungen von Autorbildern im Gefüge der verschiedenen Medien und ihrer spezifischen Referenzen (Handschriften, Drucke, Zeichnung, Medaille, Gemälde, Epitaph, Grabmal etc.) analysieren.

Alle hier versammelten Beiträge untersuchen das Phänomen des Autorbildes als einen Spezialfall von Text-Bild-Relationen an ausgewählten, besonders nachdrücklichen Beispielen von wechselseitiger Kommentierung, d.h. von oszillierender Transkription von Medien. Mit diesen Fallstudien nimmt der vorliegende Band einige wesentliche Stränge des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Autorschaftsdiskurses auf und versucht, ausgehend von Material und Funktion der konkreten Buch- und Bildobjekte, Autorbilder nicht als stumme Zeugen einer Bildgeschichte, sondern als beredte Bestandteile der Textüberlieferung zu begreifen.


Die Autoren und ihre Beiträge:

Vorwort

Gerald Kapfhammer/Wolf-Dietrich Löhr/Barbara Nitsche:
Einleitung

Ursula Peters:
Werkauftrag und Buchübergabe.
Textentstehungsgeschichten in Autorbildern volkssprachiger Handschriften des 12. bis 15. Jahrhunderts

Henrike Manuwald:
Der Autor als Erzähler?
Das Bild der Ich-Figur in der ›Großen Bilderhandschrift‹ des Willehalm Wolframs von Eschenbach

Barbara Nitsche:
Konzeptionen mehrfacher Autorschaft in altfranzösischen und mittelhochdeutschen illuminierten Trojaroman-Handschriften

Marion Wagner/Barbara Nitsche:
Narrativierung des Autors.
Autorfigurationen in illuminierten Handschriften und Drucken des Buchs der Beispiele Antons von Pforr

Wolf-Dietrich Löhr:
Tätige Trägheit.
Petrarca, Bembo, Sanvito und das Buch als Denkmal des Autors

Wolf-Dietrich Löhr:
Non per laudar me stesso.
Bernardino Corio und der Gelehrte im Gehäuse

Georg Satzinger:
Dürers Bildnisse von Willibald Pirckheimer

Stephanie Altrock/Gerald Kapfhammer:
Herrscherruhm und Dichterwürde.
Bilder der poetae laureati Maximilians I.

Gerald Kapfhammer:
Inszenierung von Authentizität.
Johannes Pauli und die Veröffentlichung der Predigten Geilers von Kaysersberg

Peter Glasner:
Ein geschrift zu ewiger gedechtnis  ....
Das erinnernde Ich bei Hermann von Weinsberg (1518–1597) in der Medialität von Schrift und Bild

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Näheres zu den Beiträgen:

Ursula Peters:
Werkauftrag und Buchübergabe.
Textentstehungsgeschichten in Autorbildern volkssprachiger Handschriften des 12. bis 15. Jahrhunderts

Ursula Peters untersucht in Autorbildern volkssprachiger, insbesondere romanischer Handschriften die in ihnen figurierten Textentstehungsgeschichten. Entlang der verschiedenen Stadien der Textgenese – von der Stoffauffindung über die Textverfertigung bis hin zur Übergabe des fertigen Buches an ein Publikum – wertet sie diese Autorbilder nicht als Indiz einer körpergebundenen, durch mündliche Kommunikation geprägten Kultur. Die Bilder deutet sie vielmehr als Ausweis, daß die mittelalterliche Textproduktion in Volkssprache – wie die lateinische Literatur – auf Schriftlichkeit beruht, sei es in der Form von Buchgelehrsamkeit oder von Schreib- bzw. Umschreibeprozessen.

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Henrike Manuwald:
Der Autor als Erzähler?
Das Bild der Ich-Figur in der ›Großen Bilderhandschrift‹ des Willehalm Wolframs von Eschenbach

Im Zentrum von Henrike Manuwalds Untersuchung steht die Frage nach der Identität und Funktion der dargestellten Erzählerfigur in der in Fragmenten erhaltenen ›Großen Bilderhandschrift‹ des Willehalm Wolframs von Eschenbach. Die Erzählerfigur, die korrespondierend zu Ich-Aussagen im Text erscheint, ist in der auctor-Funktion konzipiert: In ihrer zentralen Mittelstellung demonstriert sie mit ihren nach beiden Seiten weisenden Gesten bestimmte Aspekte der Handlungsebene, stellt Sinnbezüge her und übernimmt so eine Kommentarfunktion.

In der Gestaltung entspricht die Figur zeitgenössischen Wolfram-Vorstellungen. Sollte es sich bei dieser vermittelnden Figur in den Bildern um ›Wolfram‹ – als Verkörperung der Autorrolle – handeln, so wäre diese Darstellung eines der frühesten erhaltenen Autorbilder bei einem deutschen Text.

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Barbara Nitsche:
Konzeptionen mehrfacher Autorschaft in altfranzösischen und mittelhochdeutschen illuminierten Trojaroman-Handschriften

Wie der Beitrag von Barbara Nitsche verdeutlicht, werden die in den volkssprachigen mittelalterlichen Troja-Erzählungen geschilderten komplizierten Textentstehungsgeschichten sowie die Konzeption bzw. Suggestion mehrfacher Autorschaft und Übersetzertätigkeit in den Handschriften auf vielfältige Weise reflektiert.

In den altfranzösischen und mittelhochdeutschen illuminierten Handschriften wird der Autorschafts-Diskurs auf unterschiedlichen Ebenen geführt: auf der Ebene des Textes, durch paratextuelle Rubrizierungen sowie durch das Bildprogramm. Er erschließt sich erst im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen medialen ›Register‹, d.h. in der gesamten Materialität der medialen Differenzen der jeweiligen Handschrift.

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Marion Wagner/Barbara Nitsche:
Narrativierung des Autors.
Autorfigurationen in illuminierten Handschriften und Drucken des Buchs der Beispiele Antons von Pforr

Die Studie von Marion Wagner und Barbara Nitsche befaßt sich mit Autorfigurationen in den illuminierten Handschriften und Drucken des Buchs der Beispiele Antons von Pforr, der deutschen Übersetzung eines ursprünglich altindischen Fürstenspiegels. Im Moment der Übertragung aus dem Lateinischen in die Volkssprache werden Bilder zum konstitutiven Bestandteil dieser Fabelsammlung.

Wie die Überlieferung des Buchs der Beispiele zeigt, wird Autorschaft vor allem dann visualisiert, wenn sie selbst schon als Teil der Erzählung literarisch vermittelt ist, das Autorbild also auf einen narrativ konstituierten Autor zu rekurrieren vermag. Jenseits der Textebene ist hingegen unter Umständen schon nach kurzer Zeit kein ›Überleben‹ mehr möglich, wie das Verschwinden von Hinweisen auf den Autor der deutschen Übersetzung bereits in der Frühphase der Überlieferung zeigt.

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Wolf-Dietrich Löhr:
Tätige Trägheit.
Petrarca, Bembo, Sanvito und das Buch als Denkmal des Autors

Mit Dante und seiner zentralen Rolle für Dichterkult und Autorschaftsdiskurs an der Wende zur Frühen Neuzeit setzt der Beitrag von Wolf-Dietrich Löhr ein. Anhand des aus der Antike überlieferten, seit Petrarca neu belebtem Topos von der Schriftkultur als einem monumentalem Transkriptionsmedium, dem auch das Bild des Autors unzerstörbar eingeschrieben ist, wird das Verhältnis von Buchausstattung und sepulkraler memoria untersucht.

Im Zentrum steht dabei der Schreiber und Buchgestalter Bartolomeo Sanvito, aus dessen Atelier im Kontext der paduanischen Dichter und Antikensammler zwischen 1450 und 1500 innovative Titelblätter hervorgehen. Diese verhandeln nicht nur das Verhältnis der volkssprachigen Autoren zur Antike, sondern bringen überhaupt aktuelle Konzeptionen von Werk und Autorschaft zur Darstellung.

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Wolf-Dietrich Löhr:
Non per laudar me stesso.
Bernardino Corio und der Gelehrte im Gehäuse

Die zahlreichen Möglichkeiten der Rezeptionslenkung durch die Einbindung des Autorbilds in die paratextuellen Strategien des gedruckten Buches untersucht Wolf-Dietrich Löhr am Beispiel der Patria Historia des Mailänder Humanisten Bernardino Corio von 1503. Das künstlerisch anspruchsvolle Holzschnittbildnis des Historikers nimmt die in Norditalien besonders stark ausgeprägte Tradition der studiolo-Ikonographie auf, deren Konnotationen von asketischer Werkgenese sich mit parallelen literarischen Anspielungen in Vorwort und Haupttext vereinen.

Die Appellstrukturen, mit denen das Buch Auffassung und Interpretation des Publikums beeinflußt, nehmen den gesamten Leseprozeß in Anspruch, um durch eine komplex verwobene Abfolge von Text- und Bildverweisen – Epigrammen, Episteln, Dedikationen, Motti sowie Wappen, Architekturrahmung und Portrait – die historiographischen Kompetenzen des Verfassers vor Augen zu führen.

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Georg Satzinger:
Dürers Bildnisse von Willibald Pirckheimer

Der Beitrag von Georg Satzinger analysiert einen intimen Sonderfall des Autorbildes. Dürers Profilzeichnung Willibald Pirckheimers ist nicht Vorstudie, sondern erweist sich im Kontext anderer Portraits mit offiziellen oder familiär-memorialen Funktionen als ein vollendetes, wenngleich ins Private orientiertes Werk.

Sie nimmt formal auf das noble, spezifisch humanistische Bildnismedium der Medaille bezug und betreibt zugleich eine schonungslose Darstellung des lächelnden Gelehrten. Indem dieser seine Reaktion schriftlich, nämlich als typisch humanistische, griechische Invektive von derbem Witz auf der Zeichnung festhält, wird das graphische Portrait in einen Dialog einbezogen, der die sprachliche Autorität Pirckheimers ebenso unterstreicht, wie er die künstlerische Autorschaft Dürers kommentiert und zum Thema des Gelehrtengesprächs erhebt.

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Stephanie Altrock/Gerald Kapfhammer:
Herrscherruhm und Dichterwürde.
Bilder der poetae laureati Maximilians I.

Der Aufsatz von Stephanie Altrock und Gerald Kapfhammer widmet sich den poetae laureati zur Zeit Kaiser Maximilians I. Der im italienischen Renaissancehumanismus beheimatete Brauch der Dichterkrönung wurde im 15. Jahrhundert durch Kaiser Friedrich III. auch im deutschsprachigen Raum eingeführt. Dabei verpflichtete sich der vom Herrscher für seine poetischen Leistungen ausgezeichnete Dichter wiederum zum Herrscherlob.

Der Lorbeerkranz als wichtigster Bestandteil der Auszeichnung findet sich in zahlreichen Autorbildern wieder. Er verweist nicht nur auf das besondere Verhältnis von Herrscher und Dichter, sondern kann als besonderes Merkmal einer Autor-auctoritas dienen.

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Gerald Kapfhammer:
Inszenierung von Authentizität.
Johannes Pauli und die Veröffentlichung der Predigten Geilers von Kaysersberg

An der Überlieferung der Predigten Geilers von Kaysersberg zeigt Gerald Kapfhammer die Funktion eines Herausgebers. Dieser war nötig geworden, da Geiler verstorben war und selbst kaum etwas veröffentlicht hatte.

Da sich mehrere zu dieser Aufgabe berufen fühlten, entstand ein Streit um das richtige Werkverständnis, der sich anhand der unterschiedlichen Formen der Textlegitimierung in den einzelnen Drucken nachvollziehen läßt. Besonders umfangreich sind dabei die Strategien des Franziskaners Johannes Pauli zur Authentisierung der von ihm veröffentlichten Werke. Dies spiegelt sich in einem Holzschnitt wider, der in einmaliger Weise einen Herausgeber, nämlich Johannes Pauli, zusammen mit dem Autor Geiler zeigt. Das Bild wird dadurch zu einem bedeutsamen Argument im Streit um den authentischen Text.

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Peter Glasner:
Ein geschrift zu ewiger gedechtnis  ....
Das erinnernde Ich bei Hermann von Weinsberg (1518–1597) in der Medialität von Schrift und Bild

Mit dem Boich Weinsberch und dem Gedenkboich führt Peter Glasner eine im Anspruch ungewöhnliche Familienchronik des 16. Jahrhunderts vor. Im Mittelpunkt seiner Darlegungen steht der Kölner Bürger Hermann von Weinsberg, der in dritter Generation einer Aufsteigerfamilie versucht, seine Familiengeschichte zu begründen und für die kommenden Generationen festzuhalten.

Neben Aspekten der Familiengeschichte bietet die Chronik durch die Beigabe von Bildern aus der Hand des Autors, von denen einige Selbstbildnisse sind, einen Einblick in die Geschichte der Individualität in der Frühen Neuzeit. Der besondere Reiz von Boich Weinsberch und Gedenkboich liegt in der Möglichkeit, der Selbstbespiegelung eines Autors in Wort und eigenen Bildern nachzugehen und dabei leitende Vorbilder, die zur Konstruktion des eigenen Ichs führen, aufzudecken.

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